Der Trompeter Peter Evans aus den USA ist mir im Jazzit schon einmal begegnet: vor gut 13 Jahren mit der Band "Mostly Other People Do the Killing", von der ich damals ziemlich begeistert war. Nun ist er mit seinem Projekt EXTRA zu Gast mit dem schwedischen Bassisten Petter Eldh und dem US-Schlagzeuger Jim Black, wobei alle drei sich auch fleißig allerlei elektronischer Instrumente bedienen. Meist ist die Elektronik dabei das dominierende Element, das den Instrumentenklang modifiziert und überlagert, vor allem den der Trompete. Es sind allerdings nicht die angenehmen Klänge eines Nils Petter Molvaer, sondern die schrillen und pfeifenden Tönen, die mich an Alarmanlagen und Einsatzfahrzeuge diverser Länder erinnern. Das Ganze spielt sich in einem Dezibel-Bereich ab, der anscheinend notwendig wird, um sich neben der brachialen Trommler-Power von Jim Black noch ausreichend Gehör zu verschaffen. Natürlich muss sich auch Petter Eldh am E-Bass dabei, was die Lautstärke betrifft, ordentlich ins Zeug legen. Anstatt sich auf die durchaus originellen musikalischen Kreationen zu konzentrieren, tritt der Schutz des eigenen Gehörs in den Vordergrund. Wer sich nicht schon vor dem Beginn der Aufführung mit Ohropax ausgestattet hat, muss es, so wie ich, schleunigst nachholen, um schadlos zu bleiben. Musik durch den Ohropax-Filter hört man zwar, allerdings geht dabei ein Großteil musikalischer Klanginformation verloren. Lautstärke ist zwar auch ein Qualitätsmerkmal von Musik, kann allerdings ebenso gute und hörenswerte Musik ungenießbar machen. An diesem Abend im Salzburger Jazzit ist Letzteres leider der Fall.
Samstag, 26. September 2026
Freitag, 25. September 2026
"Auslöschung" von Thomas Bernhard
Meine erste literarische Begegnung mit Thomas Bernhard hatte ich Mitte der 1970er, als ich seinen ersten großen Roman "Frost" aus dem Jahr 1963 gelesen habe. Meine Thomas-Bernhard-Begeisterung hat mich seither nicht mehr losgelassen und zu den zahlreichen literarischen sind einige persönliche Begegnungen gekommen. Der Schriftsteller ist zwar jetzt schon seit 37 Jahren tot, mein Interesse an ihm ist bei mir allerdings ungebrochen. So habe ich nun auch seinen letzten großen Roman gelesen, der im Herbst 1986 erschienen ist. Thomas Bernhard, der u. a. auch ein Haus in Blickweite von Schloss Wolfsegg besessen hat, beschreibt hier mittels eines ausgedehnten Monologs des Erben dieser Besitzung die Lebensverhältnisse dort und in seinem römischen Exil und lässt dabei kein gutes Haar an den österreichischen Verhältnissen am Beispiel seiner Familie und ihres Umfelds. Neben der harschen Kritik daran stellt sich der Protagonist allerdings auch immer wieder selbst in Frage und kehrt sogar das Liebenswerte an den Wolfsegger Verhältnissen hervor. Die in seinen Texten immer wiederkehrende Hassliebe und die Kunst der maßlosen Übertreibung sind auch in "Auslöschung" die wesentlichen Stilmerkmale. Vielleicht sind es neben dem Lokalkolorit gerade diese Merkmale, die meine besondere Nähe zu diesem großen österreichischen Autor begründen.
Donnerstag, 24. September 2026
Max Nagl Quintett im Schloss Puchberg, Wels
Es gibt Bands, die ich mir gerne mehrmals anhöre, auch wenn wie in diesem Fall nur ein gutes halbes Jahr vergangen ist, seit ich sie im Salzburger Jazzit gehört habe. Es hat sich auch gegenüber diesem Konzert nicht viel geändert. Die Besetzung (Georg Vogel am E-Piano, Gregor Aufmesser am Kontrabass, Phil Yaeger an der Posaune, Max Nagl am Altsax und Martin Eberle an der Trompete) ist die gleiche und auch das Programm. Der Raum allerdings, so optisch schön der Spiegelsaal im Schloss Puchberg auch sein mag, kann dem Jazzit akustisch bei Weitem nicht das Wasser reichen. Max Nagl ist in erster Linie ein Komponist kurzer, kompexer Stücke mit sonderbaren Titeln wie Shoklad, Schalf oder Vascolita. Ohne unterstützende Notenblätter sind sie nicht zu bewältigen. Dennoch bieten sie auch Freiraum für kollektives oder solistisches Improvisieren, wobei mich vor allem Georg Vogel's Klavierspiel immer wieder stark beeindruckt. Stilistisch enthalten die Kompositionen Einflüsse aus unterschiedlichsten Bereichen von der Volksmusik über Salonmusik und Big-Band-Jazz bis zu Neuer Musik. Emotional am meisten sprechen mich dabei die lyrischen Passagen an, insgesamt wirken Nagl's Stücke allerdings eher intellektuell. Auch beim zweiten Hören bleibt die Darbietung für mich spannend wie beim ersten Mal und auch das Publikum im vollen Schlosssaal bringt seine Begeisterung durch viel Applaus zum Ausdruck.
Freitag, 18. September 2026
"Rising Stars" im ProDiagonal Lambach
Das Bildungshaus ProDiagonal in Lambach bietet jungen, aufstrebenden Musiker:innen immer wieder eine Bühne, um sich vor Publikum mit ihrer Kunst zu präsentieren. "Rising Stars" nennt sich diese Konzertreihe, an der dieses Mal ein Duo aus Cello (Luisa Gerner) und Akkordeon (Joana Frischer) sowie zwei Pianisten (Alexander Vounelakos und Elias Tiefenbacher) beteiligt sind. Mit drei Stücken von Astor Piazzolla im Programm machen mir Luisa Gerner und Joana Frischer eine besondere Freude und auch die anderen Kompositionen (jüdische Musik von Ernest Bloch und Schottisches) trägt das Duo gekonnt und mit viel Gefühl vor. Die beiden Pianisten spielen sowohl Eigenkompositionen (Alexander Vounelakos hat sogar schon ein Soloalbum im ProDiagonal eingespielt) als auch gemeinsam Standards wie z. B. Cole Porter's "What Is This Thing Called Love" und zeigen damit ihr Können und ihre Reife. Bisweilen etwas ungestüm und mit viel Spielfreude können auch sie das Publikum im intimen Rahmen des wunderbaren Hauses in Lambach für sich gewinnen. Schön, dass dieses Haus auch immer wieder dem musikalischen Nachwuchs Auftrittsmöglichkeiten bietet.
Mittwoch, 16. September 2026
DAHAM im Schl8hof Wels
DAHAM nennt sich ein Frauen-Sextett aus Tirol, das mittels A-Capella-Gesang Volksliedhaftes zur Aufführung bringt. Das bekannte Volkslied "Wenn du durchgehst durchs Tal" zu Beginn des Konzerts signalisiert auch gleich die musikalische Richtung. Allerdings werden auch bald Einflüsse vor allem aus dem Jazzbereich hörbar und kurz dürfen auch ein Flügelhorn und ein Saxophon unterstützend erklingen. Die Lieder stammen von der Leiterin des Ensembles, Katharina Kurz, sind in Mundart gehalten und thematisieren Natur, menschliche Beziehungen und Gefühlswelten. Am Beginn der Lieder werden oft dazu passende poetische Texte zitiert, u. a. das mir bekannte "Wanderers Nachtlied" von Goethe. Den Stimmen kommen unterschiedliche Funktionen zu: den Text zum Ausdruck zu bringen einerseits und das Ganze lautlich zu begleiten und zu untermalen andererseits. DAHAM ist weniger in der Welt der lauten Ausbrüche zuhause und kommt eher subtil-klangmalerisch daher. Es entsteht dabei eine für mich recht angenehme Stimmung und eine Musik, der ich mich am liebsten mit geschlossenen Augen hingebe. DAHAM haben somit einen recht eigenwillig-eigenständigen Stil kreiert, der mit dem der traditionellen Jazz-a-capella-Gruppen wenig zu tun hat. Was Eigenes zu schaffen ist das, was ich an den mir bekannten Musiker:innen sehr hoch einschätze, egal ob es meinen Hörgewohnheiten entspricht oder auch nicht. Das Jazz-Publikum der Musikwerkstatt Wels im Schl8hof hat ebenfalls für alles ein offenes Ohr und spendet reichlich Applaus.
Dienstag, 15. September 2026
Brad Mehldau & Kirill Gerstein im Brucknerhaus Linz
Brad Mehldau ist wahrscheinlich einer der vielseitigsten Jazz-Pianisten, denn seine künstlerische Tätigkeit erstreckt sich auch in die Welt der Popmusik und in die der klassischen Musik, in der er auch ausgebildet worden ist. Im großen Saal des Linzer Brucknerhauses führt er einen musikalischen Dialog mit Kirill Gerstein, einem Pianisten des klassischen Genres, dem Jazz allerdings auch keineswegs fremd ist, da er schon als Teenager eine Ausbildung zum Jazzmusiker absolviert hat, bevor er sich später der Klassik zugewendet hat. So bekommt man an diesem Abend eine Mischung aus notierter und improvisierter Musik zu Gehör, wobei die Grenzen dazwischen verschwimmen und an Bedeutung verlieren. Brad Mehldau trägt mehrere Eigenkompositionen dazu bei, die wiederum angeregt worden sind durch Werke von Gabriel Fauré oder György Ligeti. Eine Bearbeitung einer Stücks von Anton Bruckner darf aus gegebenem Anlass (Brucknerfest) natürlich auch nicht fehlen. Musikalisch geht es dabei weniger bombastisch als viel mehr subtil-virtuos zu, wobei ich von den improvisatorischen Fähigkeiten von Kirill Gerstein besonders überrascht bin. Die Musik der Beiden geht sowohl über Jazz als auch über Klassik weit hinaus, indem beide Spielweisen gleichberechtigt nebeneinander und miteinander verwoben ihren Ausdruck finden. Mir gefällt das und dem Publikum im fast ausverkauften Brucknerhaus wohl auch.
Freitag, 11. September 2026
A Love Electric & Lisa Hofmaninger im OKH Vöcklabruck
Der US-Gitarrist und Sänger Todd Clouser, jetzt in Mexiko lebend, war mit seinen mexikanischen Begleitern (Aaron Cruz am E-Bass und Jorge Servin am Schlagzeug - zusammen A Love Electric) vor ca. anderthalb Jahren schon einmal zu Gast im OKH Vöcklabruck, musikalisch unterstützt von Lisa Hofmaninger (Sopransax und Bassklarinette). Gemeinsam haben A Love Electric und Lisa Hofmanninger ein Album eingespielt ("Modern Medicine"), das sie nun präsentieren. Es ist recht vielseitig geworden und enthält mexikanische Cumbia ebenso wie amerikanischen Blues und moderne Jazz- und Rockelemente. Der Instrumentalklang erhält durch Todd Clouser's poetischen Sprechgesang eine zusätzliche Dimension. Bass und Schlagzeug sind das rhythmische Getriebe und Gitarre und Saxophon erschaffen kunstvolle Melodien und kommunizieren miteinander auf einfühlsame Art. Die Unisono-Passagen der Beiden haben mich dabei besonders berührt. In der Band herrscht Gleichberechtigung, das Miteinander hat Vorrang vor exaltierten Einzelaktionen. So entsteht ein charakteristisches Gesamtklangbild mit eigenständiger musikalischer Handschrift und leichtem Tex-Mex-Touch, das von der Zuhörerschaft einiges an Aufmerksamkeit erfordert. Feinsten Hörgenuss bekommt man dafür als Belohnung.
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